Die Vereinsgeschichte

1. Anfänge zur Arbeiterbewegung

Im Vergleich zur Sozialdemokratischen entstand die eigenständige Christliche Arbeiterbewegung in Österreich relativ spät. Die ersten Initiativen zur Gründung von christlichen Arbeitervereinen begannen zwar schon nach der Revolution 1848 (im Jahre 1852 wurde der erste Gesellenverein durch den damaligen Pfarrer und späteren Kardinal Anton Gruscha gegründet), allerdings erkannten nur wenige Priester der damaligen Zeit das wirkliche Elend des Proletariats und so waren die sozialen Probleme der Arbeiterschaft kein vordringliches Anliegen der katholischen Kirche.

Erst in den Jahren ab 1873 konnte sich in Folge der durch den Börsenkrach ausgelösten wirtschaftlichen Krise der Gedanke einer katholischen Sozialbewegung in Österreich langsam durchsetzen. Getragen wurde diese Bewegung sowohl durch engagierte Priester als auch durch einige Aristokraten, welche die sozialen Probleme der Arbeiterschaft deutlich aufzeigten.

Auf parlamentarischer Ebene wurden die Ideen der christlichen Soziallehre vor allem durch Prinz Alois von Lichtenstein vertreten, der sich besonders für eine Neuregelung der vertraglichen Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aussprach.

Insbesondere sollte das Prinzip der liberalen Vertragsfreiheit beendet werden, also der Regelung der Arbeitsbeziehung durch Individualkontrakte zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Da diese meist zu Ungunsten der Arbeitnehmer abgeschlossen wurden und keine arbeitsrechtlichen Schutzmassnahmen enthielten.

Getragen von der im Jahre 1891 erlassenen päpstlichen Enzyklika „Rerum Novarum“ kam es zu einer Reihe von Vereinsgründungen, unter anderen auch die Christlich sozialen Arbeitervereine. Diese Vereine waren bereits durchaus eine politische Gründung und hatten eine verstärkte Vertretung der Arbeiterinteressen zum Ziel. In den darauffolgenden Jahren kam es zur Gründung der ersten Fachvereine, in denen einzelne Berufsgruppen zusammengefasst wurden.

Die weitere Entwicklung der Christlichen Arbeiterbewegung war aus mehreren Gründen schwierig:

Bereits im Zuge der Gründung der sozialdemokratischen Partei im Jahre 1889 kam es zur Einigung der sozialdemokratischen Fachvereine und zur Bildung einer  starken sozialdemokratischen Gewerkschaft, wogegen die Christliche Arbeiterbewegung noch in den Kinderschuhen steckte.

Im Gegensatz zu den sozialdemokratischen Gewerkschaften hatte die Christliche Arbeiterbewegung im eigenen Lager mit großen Widerständen zu kämpfen. Die Christlich soziale Partei unter Karl Lueger war hauptsächlich auf das bestehende Stammklientel (Gewerbetreibenden, Kleinbürger und Bauern) orientiert und nicht auf die Arbeiterschaft.

Die Christliche Arbeiterbewegung war ideologisch auf das Konzept des Standes ausgerichtet und sah die Arbeiterschaft als gleichberechtigte gesellschaftliche Gruppe, die gemeinsam mit den anderen Ständen den gesamtstaatlichen Körper bildet. Es war daher programmatisch relativ schwer, das Konzept einer Gewerkschaftsbewegung mit jenen einer ständischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu verbinden.

Die Sozialdemokratischen Gewerkschaften konnten dem gegenüber auf dem Konzept des grundsätzlichen Klassengegensatzes zwischen Arbeit und Kapital aufbauen und sich daher ohne ideologische Widersprüche als einseitige Vertretung der Arbeiterschaft positionieren.

Zur Erhöhung der Schlagkraft der Christlichen sozialen Arbeiterbewegung waren die Zusammenfassung der einzelnen lokalen Vereine sowie die Schaffung einer zentralen Organisation erforderlich. Dies gelang erstmals 1902 durch die Gründung des Reichsverbandes der nichtpolitischen Vereinigung christlicher Arbeiter Österreichs. Der planmäßige Aufbau einer christlichen Gewerkschaftsorganisation wurde 1903 beschlossen. Die Bildung einer echten Gewerkschaftsorganisation konnte unter anderem deshalb erfolgen, da die Enzyklika „Rerum Novarum“ erstmal die Gründung von christlichen Gewerkschaften zuließ.

Der erste Kongress der Christlichen Gewerkschaften Österreichs wurde 1909 in Wien abgehalten. Gleichzeitig fand auch die Trennung zwischen den katholischen Arbeitervereinen und den Christlichen Gewerkschaften statt. Dies hatte vor allem den Grund, dass sich die Christlichen Gewerkschaften zunehmend als Interessenvertretung auf nationaler, politischer Ebene sahen und den Arbeitervereinen meist lokale Betreuung (Beratung, Bildung, Ausbildung, Unterstützungswesen), ihrer Mitglieder übernahmen.

 

2. Enzyklika „Rerum Novarum“

Zu allen Zeiten hat sich die Kirche zur Situation und zu Fragen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens geäußert.

1891 schrieb Papst Leo XIII. die Enzyklika „Rerum Novarum“ über die Arbeiterfrage. In der Enzyklika geht es um die Frage der Gerechtigkeit, um das gegenseitige Verhältnis der Besitzenden und der Arbeiter, um die Frage nach richtigen und maßgeblichen Grundsätzen für die Klärung der sozialen Fragen, um den gerechten Lohn, um die Ordnung der Eigenverhältnisse, das Eigentumsrecht, das Verhältnis von Staat und Familien, die Würde des Menschen; sogar die Sonntagsruhe, die Sorge um ausreichend Zeit der Unterbrechung und Ruhe in der Arbeit werden in der Enzyklika genannt.

Papst Leo XIII. ruft Arbeitgeber, Arbeiter und Staat auf, gemeinsam an der Lösung der Arbeiterfrage, an der Verbesserung der Lebensbedingungen zu arbeiten. Er fordert die Mitwirkung aller und nennt Maßnahmen, die die Lage verändern können: Unter anderem Gründung von Vereinen zur gegenseitigen Unterstützung, private Veranstaltungen und Hilfeleistung …

In der Sozialenzyklika heißt es: Die neuen Sitten, der Fortschritt in Wissenschaft und Bildung, die gesteigerten Lebensbedürfnisse, alles stellt andere Anforderungen. Es ist notwendig, dass die Vereinigung der Arbeiter sich nach den neuen Verhältnissen einrichtet. Alles Tun soll sich messen an den Grundsätzen des Evangeliums. In der Enzyklika wurden wichtige Grundsätze angesprochen, die auch heute noch gelten.

Alle Menschen werden aufgefordert, jeder an seinem Platz und mit seinen Möglichkeiten, für die Verbesserung der Lebensbedingungen, für gerechte und gute Arbeitsbedingungen, für die Sicherung des Sozialsystems, für Aus- und Weiterbildung aller einzutreten.

Als wesentliche Maßnahme zur Beseitigung von sozialen Missständen sah Leo XIII. eine Versöhnung zwischen  den Klassen.

 

3. Die katholischen Arbeitervereine

 

Nach der Veröffentlichung der Enzyklika „Rerum Novarum“ entstanden ab dem Jahre 1892 in ganz Österreich katholische Arbeitervereine, die auch ein Gegengewicht zu den sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen bilden sollten. An der Gründung waren vor allem sozial eingestellte Priester der katholischen Kirche federführend beteiligt, die zumeist auch die Leitungsfunktionen übernahmen.

Bereits kurz nach der Gründungsphase entstanden Unterschiede in der Definition der Aufgabenbereiche und Zielsetzungen. In Wien und Niederösterreich lag der Schwerpunkt auf der Formulierung wirtschaftlicher Forderungen und gewerkschaftlicher Tätigkeit. In den Alpenländern so wie auch in Innsbruck legten die Arbeitervereine mehr Wert auf religiöse Begleitung der Arbeiter sowie die Übernahme von Bildungsaufgaben, sowohl in Bezug auf Allgemeinbildung als auch fachspezifische Bildung.

Im Gegensatz zu den christlichen Gewerkschaften blieben die katholischen Arbeitervereine in der ersten Republik föderalistisch organisiert und legten großen Wert auf vereinsrechtlich und auch inhaltliche Unabhängigkeit.

In den folgenden Jahren verloren die katholischen Arbeitervereine immer mehr an Einfluss, die Mitgliederzahlen blieben weit hinter jenen der Christlichen Gewerkschaften zurück. Der Grund für diese Entwicklung  war sicherlich das Fehlen einer starken Dachorganisation auf Bundesebene, wodurch keine einheitliche Linie gefunden werden konnte und sich die einzelnen Arbeitervereine auf lokale Themen beschränken mussten. 

Da sich die Aufgabengebiete der ehemaligen Christlichen Gewerkschaften und katholischen Arbeitervereine vielfach deckten, wurde den katholischen Arbeitervereinen langsam aber sicher der Boden für ihre Tätigkeiten entzogen. Politisch gesehen waren die katholischen Arbeitervereine unter diesen Rahmenbedingungen ab 1934 ohne Bedeutung.

Mit der Gründung der Einheitsgewerkschaft im Jahr 1934 wurden damals durch Statutenänderungen die katholischen Arbeitervereine in kulturelle Vereinigungen umgewandelt, die sich vor allem um die kulturellen und sozialen Interessen der Arbeiterschaft kümmerten.

Die Christlichen Gewerkschafter traten nunmehr einzig als Interessenvertretung der Lohnabhängigen auf. Die katholischen Arbeitervereine wurden als Freizeit und Bildungsvereine weitergeführt.

Obwohl die Auflösung der katholischen Arbeitervereine offiziell 1938 erfolgte, kam es bereits vorher zu Vereinsauflösungen.

Nach der Wiederzulassung von Vereinen im Jahr 1945, haben sich katholische Arbeitervereine neu organisiert, um sich aber anderen Aufgaben zu stellen als vor 120 Jahren.

Der Arbeiterverein hat sich in Innsbruck zu einer Bewegung gewandelt, in der Arbeiter, Angestellte, Beamte und Selbständige, Männer und Frauen, katholische und evangelische Mitglieder gleichberechtigt und partnerschaftlich zusammenarbeiten.

 

4. Die Anfänge und Vereinsgründung

Genaugenommen ist zu unterscheiden zwischen der Gründung des Vereins, am 26. Juni 1891 - also ziemlich bald nach Veröffentlichung der Enzyklika „Rerum Novarum“ - und dem Stiftungsfest, am 8.Mai 1892, also in etwa dem ersten Jahrestag der genannten Veröffentlichung.

Staatlicherseits und von Gesetz her waren damals noch keine Institutionen vorhanden, welche geeignet erschienen, gerade in Notzeiten bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und familiären Schicksalsschlägen, einzugreifen. Eine Sozialversicherung wie heute gab es nicht. Es war der Initiative einzelner überlassen, hier eine gewisse soziale Sicherheit zu schaffen.

Im Deutschen Kaiserreich hatte es 1881 schon Schutzmaßnahmen u.a. gegen Frauen- und Kinderarbeit gegeben. In den frühen 80er Jahren wurden außerdem Unfall- und Krankenversicherungen der Arbeiter eingeführt, in Österreich erst in den letzten Jahren desselben Jahrzehnts. Die nicht minder wichtige Arbeitslosenversicherung folgte in Österreich 1920 und in Deutschland erst 1927.

Während aber die Altersversorgung (Pensionsversicherung) in Deutschland bereits 1889 gesichert wurde, konnte man sie für Österreich - als einzige Errungenschaft des Anschlusses 1938 an das „Dritte Reich“ - ansehen.

So kam es in Innsbruck im Juni 1891 zur Gründung eines Katholischen Arbeitervereins, dessen Ziel es war, die Unterstützung kranker und arbeitsloser Arbeiter durchzuführen, ihnen die Möglichkeit von Bildungs- und Unterhaltungsvorträgen, des Unterrichts in notwendigen und nützlichen Dingen und Hilfe bei der Beschaffung von gesunden und billigen Wohnungen zu geben. Der gegründete Verein ist als einer der ältesten Arbeitervereine in Österreich zu betrachten. 

Am 8. Mai 1892 feierte dieser Verein sein Gründungsfest. Das Gründungsfest begann mit einem Festgottesdienst in der Kirche St. Nikolaus und die abendliche Festversammlung im Gasthof „Goldenen Stern“ in St. Nikolaus. Bei diesen Festveranstaltungen konnte der erste Präses des katholischen Arbeitervereins Innsbruck, Katechet Erich Wechner, die stattliche Zahl von 300 Teilnehmern begrüßen. Mangels eigener Räumlichkeiten fanden die Vereinsveranstaltungen nach der Vereinsgründung, vorerst im „Goldenen Stern“ statt.

Am 25. Oktober 1896 konnte der Verein bereits das Fest seiner Fahnenweihe feiern. Den Innsbrucker Nachrichten damaligen Datums ist zu entnehmen, dass diese Fahnenweihe mit anschließendem gemeinsamen Mittagessen und einer Theateraufführung am Nachmittag, bei welcher auch ein Streichorchester agierte, für alle damaligen Mitglieder zu einem echten Ereignis wurde, umso mehr, als ein Großteil der Mitwirkenden Vereinsmitglieder waren. Hier kann abgeleitet werden, dass schon bei der Vereinsgründung, unter anderem, auch eine Theatergruppe installiert wurde.

Ein dringender Wunsch des Vereines, der bei diversen Veranstaltungen immer wieder vorgetragen wurde, war ein eigenes Vereinsheim zu besitzen. So ergab es sich, dass  noch in der Amtszeit des Präses Wechner, der Leosaal und ein Doppelhaus (Innrain 37) in den Besitz des Vereines übernommen werden konnte.

 

Zur Übernahmegeschichte

1898 ließ die Gasthausbesitzerin Olga Haid auf dem bisher als Schankgarten genutzten Grund eine Radfahrhalle (Velodrom) errichten. Der ökonomische Erfolg des Velodroms dürfte bescheiden gewesen sein, denn schon zwei Jahre später erwarb Freiherr Ferdinand von Billot, das Gebäude, ließ es zu einem Veranstaltungssaal umbauen und stellte es dem Katholischen Arbeiterverein zur Verfügung.

Am 10. Februar 1901 wurde der Saal, der 500 Sitzplätze umfasste, feierlich eröffnet. Der Saal war von nun an Zentrum der Vereinsaktivitäten, für  alle Sektionen des katholischen Arbeitervereins. Angeblich waren die Immobilien dem Verein zu Beginn des neuen Jahrhunderts durch Ferdinand Billot geschenkt worden, doch hatte es um diesen Schenkungsakt Streitigkeiten gegeben, sodass Hillmann (späterer Präses), zur Besitzsicherung ab 1903 insgesamt 18 Prozesse führen müsste und dank seiner Unerschrockenheit und Entschiedenheit in den meisten Prozessen Sieger blieb.

Billot hatte den Eindruck einer Schenkung erweckt oder zumindest nicht richtiggestellt und sich als großzügigen Gönner feiern lassen. Tatsächlich hatte der Verein den Saal und das dazugehörige Gebäude gekauft, wenn auch relativ günstig, weil mit dem Rheumatismuskasten, wie der Saal vor der Instandsetzung durch den Arbeiterverein genannt wurde, ansonsten nichts anzufangen war.

Die Auseinandersetzungen wurden vorerst über die Medien ausgetragen. So legte Altpräses Erich Wechner dar, wann und vor welchen Zeugen der Baron, zum Beispiel 6.000 Kronen als Anzahlung vom Arbeiterverein erhalten hatte.

Durch den Einsatz der Vereinsmitglieder und besonders den beiden Söhnen des Baumeisters Plörer, welche ebenfalls dem Verein angehörten, sowie durch die Spendenfreudigkeit vieler Innsbrucker Bürger war es möglich, den Saal umzubauen und so den Mitgliedern des KAVI ein Vereinsheim zu schaffen, welches einmalig war in seinen Möglichkeiten. Ein Baron Rothschild stiftete die ganze Bestuhlung des Saales.

Namensgebend für den Saal war Papst Leo XIII, dessen Sozial-Enzyklika, die Bevölkerung zu christlichem und sozialem Engagement aufrief und in deren Folge sich Ende des 19. Jahrhunderts katholische Arbeitervereine formierten, die sich den sozialen Aufgaben widmeten, deren die Arbeiterschaft dringend bedurfte.

 

5. Aufschwung zur Hochblüte des KAVI

Im Jahre 1901 kam Monsignore Hillmann nach Innsbruck und wurde Nachfolger des hochverdienten Mitgründers und langjährigen Präses des Katholischen Arbeitervereins für Innsbruck und Umgebung, des hochwürdigen Katecheten Erich Wechner, welcher sich wegen Krankheit von der Leitung des Vereins zurückzog.

Am 1. November 1855 wurde Eugen Hillmann in Elberfeld Rheinland geboren, kam aber mit seinen Eltern bald nach Vorarlberg. Nach dem Gymnasium studierte Hillmann von 1876 bis 1880 an der Theologischen Fakultät in Innsbruck. Am 27. Mai 1882 empfing er die heilige Priesterweihe. Nach mehreren Stationen in Vorarlberg als Kaplan und Aufenthalt in Rom, wo er das Doktorat des Kirchenrechtes erwerben konnte, kam er wieder zurück nach Vorarlberg und wurde dort provisorischer Kaplan in Andelsbuch, wurde aber 1891 nach Bonn im Rhein-land versetzt, wo er Chefredakteur der „Deutschen Reichszeitung“ wurde. Auf Vorschlag des Erzbischofs von Köln wurde Hillmann zum päpstlichen Ehrenkämmerer ernannt.

Im Jahre 1901 kam Msgr. Hillmann nach Innsbruck, wo er über ausdrücklichem Wunsch des Fürstbischofs Simon Aichner, die Nachfolge des Katecheten Wechner antrat und als Präses den Katholischen Arbeiterverein für Innsbruck und Umgebung übernahm.

Dies war für den Katholischen Arbeiterverein ein großer Glücksfall. Mit dieser Persönlichkeit erlebte der Verein einen Aufstieg und eine Blüte, wie es wohl wenigen in Innsbruck vergönnt war. Der neue Präses war nicht nur ein ausgezeichneter Redner sondern auch eine ausgesprochene Führungspersönlichkeit. Er sicherte dem Verein neben den beiden Baulichkeiten Innrain 37 und dem dazwischen liegenden Leosaal ebenso die schenkungsweise vom großen Wohltäter und Privatier Josef Kapferer vollzogene Überlassung eines zweiten Hauses - Anichstraße 36, das südlich an den Leosaal angrenzt. Um den Katholischen Arbeiterverein machte er sich auch besonders verdient durch die Gründung einer Bibliothek, welche mehrere hundert Bände umfasste, ferner durch die Gründung einer Sterbekasse, durch Förderung des Vereinstheaters, etc.

 

Im Jahre 1903 wurde für den Verein eine neue Herz-Jesu-Standarte angeschafft, dazu jeweils eine Fahne für die von Hillmann gegründete Bergvereinigung „Alpenblüte“ und eine für die Schützenabteilung, für deren Gründung er im Jahre 1902 ein besonderes Belobigungsschreiben vom Tiroler Stadthalter erhalten hatte.

Der Vorteil durch das Erlernen und des Gebrauchs einer Feuerwaffe verschaffte den Schützen nicht nur manche vergnügte freie Stunde, sondern stellte die Arbeiter, die eine bestimmte Schießleistung erfüllten, den Standschützen gleich und befreite von vorgeschriebenen Waffenübungen. Der Schützenbund des Katholischen Arbeitervereins stellt eine Standschützenkompanie.

Wie die Innsbrucker Nachrichten berichteten, fand am Sonntag, den 17. Mai 1903, eine dreifache Fahnenweihe statt. Schon der Vorabend gestaltete sich festlich. Unter Mitwirkung der Regimentsmusikkapelle der Garnison brachte die Sängerrunde des Vereins den Fahnenpatinnen eine Serenade dar.

Die Patenschaft über die Standarte übernahm die Prinzessin Mathilde von Bayern (bzw. von Sachsen Coburg), die über die Fahne der „Alpenblüte“ Gräfin Franziska von Salis und die über jene der Schützenabteilung Gräfin Louise von Thurn und Taxis, Gattin des Prinzen von Hohenzollern-Sigmaringen.

Am Sonntag, dem 17 Mai 1903, bewegte sich ein langer Festzug, an dem neben zahlreichen kirchlichen Vereinigungen, Abordnungen der Arbeitervereine aus Kufstein, Kirchbichl, Jenbach, Wörgl, Rattenberg, Telfs, Landeck, Gossensaß, Franzens-feste, Brixen, Bozen und Meran, sowie Gäste aus dem benachbarten Bayern teilnahmen, ausgehend vom Leosaal durch die Maria-Theresien-Straße und Herzog-Friedrich-Straße zur damaligen Pfarrkirche, dem heutigen Dom zu St. Jakob. 

Hillmann geleitete Prinzessin Mathilde in die Kirche, in der die Mitglieder des gastgebenden Vereins, der mit 500 Mann angetreten war, Spalier für die Ankommenden standen. Msgr. Hillmann vollzog in Vertretung von Prälat Kometer die Fahnenweihe, an welche sich ein feierliches Hochamt anschloss. Neben den zahlreichen Festgästen und Persönlichkeiten wohnte auch die Gattin des Stadthalters, Freiin von Schwartzenau, der Feier bei. Um 12:00 Uhr versammelte man sich im „Goldenen Stern“ zu einem gemeinsamen Mittagessen. Um 20:00 Uhr fand im Leosaal der Festabend in Anwesenheit prominenter Gäste statt, zu dem ein Vortrag des Präses über soziale Gerechtigkeit ebenso gehörte, wie musikalische Darbietungen und die Aufführung eines Theaterstückes.

Der bei einer Jahreshauptversammlung des Katholischen Arbeitervereins Innsbruck am 29. Juni 1907 wiedergegeben Jahresbericht gewährt - wenn auch nur als Momentaufnahme - einen detaillierten Einblick zum damaligen Vereinsgeschehen.

Demnach hatte der Verein 618 aktive und 250 unterstützende Mitglieder. Außerdem 225 verheiratete Frauen als Mitglieder, des zu Beginn des Jahres 1907 als eigenständige Sektion gegründeten Katholischen Frauenvereins. Nüchtern werden weitere Zahlen notiert: 14 Vorstandssitzungen, 22 Versammlungen, 21 Vorträge, 10 Arbeiter-Predigten.

Den Einnahmen von 19.581 Kronen stehen Ausgaben von 18.986 Kronen gegenüber. Eigens wird vermerkt, dass die Hauptkasse vom Präses selbst verwaltet wurde. Die bereits im Oktober 1903 gegründete Unterstützungskasse zählte 70 Mitglieder, die Sterbekasse 178.

Aus den Sektionen wurde berichtet, dass der Debattierclub, der 30 Mitglieder zählt, 41 Abende mit 33 Vorträgen zu sozialen Fragen veranstaltet hatte. Die 18 Mitglieder zählende Bergsteigertruppe „Alpenblüte“ hatte 195 Hochtouren hinter sich gebracht, die 35 Mitglieder des Schützenbundes neun Schießen absolviert, die Theatergesellschaft 26 Aufführungen organisiert, die zahlreichen Auftritte des 21 Mitglieder zählenden Sängerbundes konnte hingegen nicht beziffert werden. Eine Zwischenbilanz, die sich sehen lassen konnte. Der Verein bestand schließlich aus acht Sektionen: Hauptverein, Frauenverein, Schützenbund, Debattierclub, Bergsteigergruppe, Turnerriege, Theatergruppe und Sängerbund.

Man konnte Mitglied entweder nur im Hauptverein (Männer) bzw. im Frauenverein sein, oder sich zusätzlich in den übrigen Sektionen engagieren. Aber es war nicht möglich, nur Mitglied einer speziellen Sektion ohne Mitglied des Hauptvereines zu sein.

Wie rege sich das Vereinsleben damals entwickelte, beweist schon allein die Vielzahl der Sektionen, von denen jede bemüht war, durch Ihre Tätigkeit das Vereinsleben mitzugestalten und den Mitgliedern verschiedene Betätigungen im Rahmen des Vereins zu bieten.

Die Theatergruppe bestand in den 1920er und dreißiger Jahren sogar aus zwei Gruppen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, an jedem Wochenende für die Mitglieder im Leosaal zu spielen, wobei eine Gruppe für Posse und das ländliche Lustspiel, die andere für ernstere Schauspiele verantwortlich zeichnete.

Am Rande sei bemerkt, dass der Besuch bei den Lustspielen erheblich besser war, als bei den ernsten Stücken. Dies ist umso verständlicher, als man in den 1930er Jahren - bedingt durch die damals herrschende große Arbeitslosigkeit - die Woche über sowieso nur wenig zu lachen hatte.

Für den Verein von wesentlicher Bedeutung war: Im Jahre 1905 wurden zwei Öfen der Fa. Salzmann, die um den Preis von 925 Kronen angeschafft wurden, im Leosaal aufgestellt.

1909 ließ Hillmann den „Kaisersaal“ mit allen notwendigen Nebenräumen und eigenem Keller (… „der Wein braucht einen eigenen Keller, weil die Einlagerung von Kohle und Kartoffeln den Wein schädigen soll“ …)  als eigene Abteilung über den Leosaal bauen. Nach der Einweihung durch Probst Rauch fanden nun die geselligen Veranstaltungen überwiegend in diesem Saal statt.

1913 wurde im Leosaal eine der Zeit entsprechende eigene Bühne eingebaut. Die Kosten dafür haben sich auf 11.500 Goldkronen belaufen.

Als zweitgrößter Saal Innsbrucks - und dazu in katholischer Hand - wurde der Leosaal beliebter Versammlungsort großer Veranstaltungen weit über den Rahmen von Arbeiterverein und Caritasverband hinaus. Der von Hillmann gegründete Debattierclub hielt hier bis zu vierzigmal im Jahr, also fast jede Woche, seine Abende ab, an denen namhafte Professoren Vorträge zu den Problemen der Zeit hielten.

Mitglieder des Debattierclubs waren - zu unterschiedlichen Zeiten - u.a. die Grafen Salis Zizers und D. Avernas, der spätere Minister und Bürgermeister von Wien Richard Schmitz, der Tiroler Sicherheitsdirektor Dr. Anton Mörl Ritter von Pfalzen und zahlreiche in- und ausländische Professoren. Dem Schutzvorstand des Vereines gehörte selbst der spätere österreichischen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg an. Ein Tiroler, der den Verein unentgeltlich in Rechtsangelegenheiten vertrat.

Vereinsintern war der Bau einer Theaterbühne im Leosaal, die den geselligen Veranstaltungen der Theatergruppe und des Männerchores diente, von wesentlicher Bedeutung. Insbesondere das Theaterspiel, dem unter den kulturellen Vereinsaktivitäten die größte Bedeutung zukam, befriedigte das Bedürfnis nach Unterhaltung. Entgegen der vorherrschenden Meinung, die katholische Vereinskultur wäre lediglich von oben gesteuert worden, irrt. Hätte sich das Vereinsleben in den katholischen Gesellen- und Arbeitervereinen nach dem Willen der geistlichen Leitung gestaltet, so wäre es im großen und ganzen auf den gemeinsamen Besuch des Gottesdienstes, auf belehrende oder erbauende Vorträge, besinnliche Zusammenkünfte, Exerzitien, etc. beschränkt gewesen.

Das aber in der Praxis reichhaltige kulturelle Leben mit seinen Gesangsabenden, Theatervorstellungen, sportlichen Veranstaltungen, Tanzvergnügen, etc. war im Wesentlichen das Ergebnis der Durchsetzungsfähigkeit der Vereinsmitglieder gegenüber den Vorstellungen der Präsides, die dann die Bedürfnisse der Basis aufgriffen und zum Teil gemäß ihren Vorstellungen umzulenken versuchten.

 

6. Kriegs- und Zwischenkriegsjahre von 1914 bis 1945

Es kann hier verständlicherweise nicht darum gehen, die bekannte Geschichte des ersten und zweiten Weltkrieges sowie die Zwischenkriegsjahre nachzuerzählen, doch sollen einige Umstände um die Kriegs- und Nachkriegssituation - insbesondere der Menschen im Arbeiterverein Innsbruck - genannt werden.

Noch im August 1914 begannen die Kampfhandlungen. Das in Friedenzeiten in Vorarlberg und Tirol stationierte Militär war an die Ostfront ausgerückt und lag in den Karpatenstellungen. Als 1915 Italien  gegen Österreich-Ungarn in den Krieg eintrat, lag Österreichs Grenze zu Italien von jeglichen Truppen entblößt. Dieser Umstand machte es notwendig die heimatliche Grenze zu verteidigen. Fast alle männlichen Personen folgten dem Ruf - von noch halben Kindern bis zu rüstigen Greisen, so sie nur einigermaßen beweglich waren - um alles was an Waffen dienen konnte, zu transportieren und zu bedienen. Ab einem Alter von 16 Jahren (nach oben keine Altersgrenze) waren alle, die vor Kriegsausbruch Lust am Scheibenschießen hatten und der Kaiser die Standschützen aufbot, auf Lebenszeit auch Heeresdienstpflichtig gewesen.

Der katholische Arbeiterverein Innsbruck stellte eine Standschützenkompanie. 33 männliche Vereinsmitglieder ließen ihr Leben und kehrten von den Kampfhandlungen nicht mehr zurück.

Je länger der Krieg dauerte und gegen Ende des Krieges nochmals verstärkt, sowie in den unmittelbaren Nachkriegsjahren umso mehr, hielt der Hunger im Land Einzug. Dem bis etwa 1922 anhaltendem Hunger folgte die Arbeitslosigkeit in einer darniederliegenden Wirtschaft mit einer Hyperinflation (viele hungerten zum dritten Mal). Kaum abgeflaut, mündete sie in dem großen Crash von 1929.

Die Zeit der dreißiger Jahre mit ihren wirtschaftlichen Krisen und der beängstigenden Arbeitslosigkeit - verschärft noch durch die politischen Situationen, die den österreichischen Staat in immer neue Kalamitäten stürzte - brachte es mit sich, dass ein Teil der Vereinstätigkeiten sich mehr als früher sozialen Aufgaben gegenüber den Mitgliedern widmen musste (noch 1933 hungerten um die 50.000 Menschen allein in Tirol).

Aber weder diese Umstände in Kriegs- und Nachkriegszeiten mit all ihren Nöten und Sorgen konnten verhindern, dass immer wieder rührige Menschen die Geschicke des Katholischen Arbeitervereins in die Hände nahmen und Sorge dafür trugen, dass fortgesetzt wurde, was so hoffnungsvoll und vielversprechend begonnen hatte.

Hillmann gibt für diese Zeit in seinen Erinnerungen zu Protokoll, dass die Unterstützung älterer Vereinsmitglieder verstärkt wurde, hauptsächlich finanziert durch öffentliche Auftritte des Männerchores und Aufführungen der Theatergruppe.

Bei den alljährlich stattfindenden Weihnachtsfeiern im Leosaal bekam jedes Mitglied ein Lebensmittelpaket ausgehändigt, dessen Inhalt sich aus Spenden von Innsbrucker Firmen zusammensetzte. Diese Pakete waren damals nicht nur eine Geste des Beschenkens, sondern für viele Mitglieder eine echte Hilfe in der schweren Zeit. Den Stollen oder der Zopf, den die Mitglieder heute noch zur Weihnachtszeit bekommen, dient symbolisch als eine kleine Erinnerung an die damalige schwere Zeit.

Waren die Jahre auch ernst und schwer, so lebte der Verein und es füllte sich der Leosaal, wenn eine Veranstaltung stattfand.

Mit diesen wenigen Sätzen ist hinreichend angedeutet, dass die Zeit vom Ausbruch des ersten Weltkrieges bis zum Ende des zweiten Weltkrieges zwar vielschichtig, aber alles andere als eine gute alte Zeit war.

Wichtig erscheint noch zu erwähnen, dass im gleichen Jahr 1932, in dem Eugen Hillmann offiziell Abschied von seiner 30-jährigen Tätigkeit als Präses des katholischen Arbeitervereines nahm, sein Goldenes Priesterjubiläum feiern konnte. Die Nachfolge als Präses im Verein hat Msgr. Dr. Heinrich Heidegger übernommen.

1938 als der Name Österreich von der Landkarte verschwand, war auch die Stunde gekommen, da man für einen katholischen Arbeiterverein keinen Platz mehr hatte. Die Auflösung des Vereins, Beschlagnahme des Vereinsvermögens, Verwüstung des Leosaales und seiner Einrichtungen, die Verschleppung des gesamten Inventars, Vernichtung der Bibliothek mit hunderten Büchern, das waren die Schwerpunkte des neuen Regimes und seiner Erfüllungsgehilfen. 1938 bis 1945 war ein Zeitalter, das keinen Bedarf mehr hatte für Geselligkeit unter Freunden und Unterhaltung von Mensch zu Mensch. Es war eine Zeit, da die Welt zu ertrinken drohte in Blut und Tränen ...

Schon im März 1938 beschlagnahmte die N.S.D.A.P. die dem Verein gehörenden Häuser, Innrain Nr. 37 mit dem Leosaal und dessen Stöcklgebäude und Anichstraße Nr.36 mit der dazugehörigen Gasthauskonzession zu Gunsten der D.A.F. Diese verkaufte den gesamten Besitz an einen Polier (Name bekannt) aus  Elmen im Lechtal.

 

7. Ab 1945 bis zur Gegenwart

1945 brachte das Ende des 1000-jährigen Reiches und trotz aller Hoffnungslosigkeit ein neues Beginnen. Es war ein Wiederbeginn, der von Zerstörung, vom Mangel an allem gekennzeichnet war. Viele aktive Mitglieder waren gefallen, befanden sich in Kriegsgefangenschaft oder waren durch Kriegsfolgen nicht in der Lage, am Wiederaufbau des Vereines mitzuwirken. Traurig sah das Erbe aus, das Obmann Nagele, Präses Heidegger und später sein Nachfolger Pater Ägidius Födinger übernahmen.

Am 12. Mai 1945 wurde das Ansuchen an die Liquidierungsstelle des Landes Tirol versandt, mit der Bitte, die enteigneten Besitztümer des Vereins an diesen rückzustellen. Anlässlich des eingeleiteten Rückstellungsverfahrens wurden von den zuständigen Behörden erhebliche Schäden festgestellt und nach zeitraubenden Verhandlungen sowohl der Grundbesitz als auch die enteigneten Häuser wieder in den Besitz des Vereins zurückgegeben.

Die Dächer sind durch die Einwirkungen von Bombenschäden zum größten Teile zerstört. Weiters konnte überall eine auffallende Verwahrlosung festgestellt werden. Das eigentliche Vereinslokal - der Leosaal selbst - befindet sich in einem trostlosen Zustand. Die Zentralheizung ist herausgerissen und die fast neuen Heizkörper wurden verschleppt. Die Bühne samt allem dazu gehörigem Fundus wurde abgetragen und nach Aussagen des Hausmeisters verbrannt. Aus der übrigen Einrichtung sind nicht mehr vorhanden: 520 Sessel, Bänke, 54 Tische, ein großer Flügel, die Einrichtung der Gastwirtschaft, weiters fehlt die gesamte an die 2.000 Bücher zählende Bibliothek, sowie die gesamte Theatergarderobe und die wertvollen Apparate für Lichtbildervorführungen. Die Besichtigung erfolgte durch Beamte, im Beisein des KAVI-Vermögensverwalters Hermann Nagele.

Die Rückstellungsverhandlungen dauerten von 1945 bis 1950 und konnten positiv für den Verein abgeschlossen werden.

Schon 1945 wurde der Reaktivierungsantrag für die Fortführung des Vereines bei der Bundespolizeidirektion Innsbruck eingebracht. Der Vorstand wurde bei einer Generalversammlung 1946 gewählt und in seinen Ämtern bestätigt. Die Vereinsaktivitäten wurden aufgenommen. Als erste Sektion wurde 1946 die Schützenabteilung wieder errichtet. Die Schützen benutzten das sogenannte Gewerkschaftszimmer als Schießstätte. Aus zwei schweren Bolzbüchsen wurde an 4 Ständen auf 13,5 Meter geschossen.

Das Jahr 1950 war ein Schicksalsjahr für den Verein: Der Altpräses Dr. Heinrich Haidegger stand durch seine Berufung zum Dekan von Hall leider nicht mehr zur Verfügung. Mit Pater Ägidius Födinger vom Franziskanerkloster in Innsbruck (Hofkirche) wurde wieder ein neuer Präses gefunden.

Der vom damaligen Besitzer mit der Fa. BBC geschlossene Pachtvertrag zum Leosaal lief aus.

Die Räumlichkeit wurde frei, war jedoch unbrauchbar. Eine Instandsetzung des Leosaals hätte 1.000.000 Schilling gekostet. Diesen Betrag für eine Sanierung aufzubringen, war der Verein nicht imstande.

Der Kaisersaal, der früher den Sektionen diente, war 1944 als Büro umgebaut worden. Deshalb wurde beschlossen, diesen Saal an die Bau- und Siedlungsgenossenschaft Frieden weiter zu vermieten, um wenigstens ein bisschen Vermögen in die Vereinskasse zu bringen.

Vom damaligen Ausschuss des KAVI wurde ebenfalls beschlossen, aus dem leerstehenden Leosaal ein Kino zu bauen, um so eine weitere finanzielle Grundlage für den Vereinsbetrieb zu erhalten. Da der in Büroräume umgebaute Kaisersaal den Sektionen nicht mehr zur Verfügung stand, musste zudem der Bau eines neuen Vereinssaales angedacht werden. Obmann Hermann Nagele war für den Kinobau, Sekretär Gottfried Lintner für den zu schaffenden Vereinssaal und für die Sektionen zuständig.

Der heutige Leosaal entstand aus dem ehemaligen, hofseitigen Abstellraum für Kulissen der Leobühne. Ing. Herrmann Andergassen beauftragte Baumeister Haas mit dem Bau des neuen Leosaales, welcher von den Schülern der Bundesgewerbeschule in der Anichstraße errichtet wurde.

 

Entstehung des heutigen Leo-Kinos

Die Planungen für das neu zu errichtende Kino wurden aufgenommen, die von Baumeister Hass angefertigt wurden. Nachdem schon eine Kinokonzession beantragt wurde, konnte mit dem Bau begonnen werden. Leider mussten die Bauarbeiten wegen mangelnder Finanzierung jedoch wieder eingestellt werden.

Dem Vereinsvorstand gelang es mit Unterstützung des damaligen Schutzvorstandes Prof. Hans Grässle, den damaligen Finanzreferenten Landesrat Ing. Ortner für das Kinoprojekt zu interessieren.

Da es mit eigenen Mitteln nicht gelungen wäre, den Leosaal in der einstigen Form (Kosten rund eine Million Schilling) wieder herzustellen, verpachtete der Verein den Saal als Kino unter der Bedingung, das gesamte Kino (Errichtungskosten von 2,5 Millionen Schilling) nach Ablauf des 10-jährigen Pachtvertrages dem Verein kostenlos zurück zu übergeben. Der Vertrag wurde am 5. Dezember 1955 abgeschlossen. Am 21.09.1956 wurde das von Architekten Prachensky und Lottersberger entworfene Leo-Kino eröffnet. Es umfasste 458 Sitzplätze und wurde als Familienkino geführt. Aus technischer Sicht wurde das Kino mit der größten Breitwandleinwand Innsbruck gebaut.

1998 wurde das Kino nach Plänen von Architekt Rumplmayr im Auftrag des neuen Betreibers und Pächters Cinematograph und mit finanzieller Unterstützung von Stadt, Land und Bund erneuert. Es ist ein Filmkulturzentrum mit zwei Kinosälen und einem Platzangebot von insgesamt 285 Sitzplätzen entstanden.

Da 1955 im Hof Anichstraße 36 auch der neue kleine Leosaal mit Theaterbühne und dem Einbau des damals schönsten automatischen Zimmerschießstandes von Tirol fertiggestellt war, konnte nun die Vereinstätigkeiten wieder in vollem Umfang aufgenommen werden. Die Eröffnung des neuen Saales wurde vom Schützenbund durch ein großes Festschießen gefeiert. Die Theatergruppe konnte in der Leobühne ebenfalls wieder ihren Spielbetrieb aufnehmen. Es waren auch wieder die finanziellen Grundlagen geschaffen, um für Vereinsmitglieder und deren Freunden eine Stätte der Begegnung im jetzigen kleinen Leosaal anbieten zu können.

Es scharte sich eine Anzahl von Getreuen um den Vorstand des Vereines und in den Sektionen. Die alte Garde, die aus den Kriegswirren zurückgekehrt war, verstärkt durch neue Mitglieder, nahm die Arbeit in den Sektionen wieder auf. Leider wurde 1957 der Präses Pater Ägidius Födinger vom Bischof seines Amtes als Seelsorger des Katholischen Arbeitervereines enthoben, sodass Statutenänderungen notwendig wurden und dem Verein bis zum heutigen Tage kein Präses mehr gestellt wurde.

In den weiteren Jahren wurden laufend Verbesserungen und Erneuerungen an den Objekten des katholischen Arbeitervereines vorgenommen. Sodass für die Sektionen verbesserte Bedingungen geschaffen wurden, um sich im Rahmen ihrer Tätigkeiten voll entfalten zu können. Den Schützen wurde im jetzt wieder vom KAVI benutzbaren ehemaligen Kaisersaal ein neues Vereinslokal mit modernem Schießstand errichtet.

Den Löwenrittern (Sektionsgründung 1973) wurde ein eigener Rittersaal zur Verfügung gestellt. Bei den Löwenrittern handelt es sich um Mitglieder, die Interesse für die ritterlichen Ideale zeigen.

1971 wurde mit dem Magischen Zirkel Tirol ein eigenständiger Zweigverein in die KAVI-Familie aufgenommen, mit dem Zweck, die Zauberkunst zu fördern und zu pflegen. Unter Zauberkunst wird Unterhaltung verstanden die auf Geschicklichkeit und Sinnestäuschung beruht. Mit ihren Kunststücken haben unsere „Zauberer“ schon bei vielen Vereinsveranstaltungen eine große Anzahl von KAVI-Mitgliedern überrascht. Auch sie haben in den KAVI-Räumlichkeiten ein zuhause gefunden.

Im Jahre 2004 wurde der Leosaal zum Großteil baulich verbessert und auf den neuesten technischen Stand gebracht. Eine neue Belüftungs- und Heizungsanlage wurde eingebaut, das Mobiliar erneuert und die Bühne erweitert. Auch die vielen kleineren und größeren Verbesserungen an Wohnhäusern haben den Komfort für die Nutzer gehoben und damit auch den Wert der Anlagen über die Zeit sichergestellt.

 

8. Schlussbemerkung

Wenn wir heute auf die Zeit seit der Gründung des Katholischen Arbeitervereins für Innsbruck und Umgebung zurückblicken, dann sehen wir die großen gesellschaftlichen Veränderungen von Damals zum Heute. Die bittere Not der Arbeiterschaft in sozialer Hinsicht gibt es in dieser Form nicht mehr, denn sie hat sich viele Rechte zur Verbesserung ihres Lebens erkämpft. Die seelischen Nöte, denen sich damals die Menschen ausgesetzt sahen, sind auch heute sicher nicht kleiner geworden.

Der materielle Wohlstand, den sich viele der Nachkriegsgeneration erarbeitet haben, bringt heute so manches Unverständnis zwischen Jung und Alt hervor. Der Kampf gegen Drogen und anderen Suchtgiften, die neue Werteskala im Familienleben und auch eine neue, schleichende Verarmung der Gesellschaft sind - neben einer weltweiten Suche nach Frieden und allgemeiner Akzeptanz von religiösen und nationalen Minderheiten - unsere großen Probleme sowie Herausforderungen der Gegenwart geworden. Es hat den Anschein, dass sich die Geschichte zum Leidwesen der Menschheit immer wiederholt und die Auslöser dafür mit den sieben Todsünden (schlechten Charaktereigenschaften) umschrieben werden können.

Innerhalb eines so kleinen Vereins können wir diese Probleme nicht lösen. Was wir jedoch können, ist unseren Vereinsangehörigen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln eine reichhaltige Programmpalette wie Bildungsreisen, Vorträge, Kulturbeiträge, Theater, Sozialaktionen, Sportaktivitäten, etc. zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung anbieten. Auch die rege Tätigkeit in den Sektionen und Zweigvereinen lässt den Mitgliedern ein weiteres, großes Betätigungsfeld zur Auswahl.

Nach nunmehr 125 Jahren seit der Vereinsgründung und nach Wiederinbesitznahme der KAVI-Lokalitäten können wir mit Stolz auf ein Vereinsleben blicken, welches an Vielfalt des Gebotenen und für eine weitere gemeinsame, erfolgreiche Zukunft nichts zu wünschen übrig lässt.

Katholischer Arbeiterverein
für Innsbruck und Umgebung

 

Ing. Hubert Mall
Obmann

 

AD MULTOS ANNOS
(aus dem lateinischen: auf viele Jahre)